Archiv für Mai, 2010
Die Empirie in der Orthodoxie …
Mark Schieritz fragt sich, warum “die Emirie” so schwer mit “der Orthodoxie” der Wirtschaftswissenschaften zu vereinbaren sei:
Wer sich schon immer gefragt hat, warum die Bundesbank vor Inflation warnt, obwohl die Preise seit Jahren kaum mehr steigen, warum das Institut der deutschen Wirtschaft zur Konsolidierung die Staatsausgaben kürzen will, obwohl der Staat kaum noch Steuern einnimmt, warum sich die Politik dagegen wehrt, höhere Löhne als eine Voraussetzung zur Ankurbelung der Binnennachfrage anzuerkennen, obwohl ganz offensichtlich ist, dass das Lohnwachstum hinter der Produktivität zurückbleibt, warum Vermögenssteuern schlecht sein sollen, obwohl die Ungleichheit dramatisch zunimmt – kurz: Wer sich fragt, warum die Orthodoxie so schwer mit der Empirie in Einklang zu bringen ist [...]
Mal die Fragen beiseite, ob die aktuelle Orthodoxie der Wirtschaftswissenschaften nicht viel eher Keynesianismus ist, möchte ich eigentlich viel eher die Empirie angucken. Ich zitiere im wesentlichen einfach die Standardmaße.
Die Preissteigerungen:
Steueraufkommen (Diskussion):
Arbeitseinkommensquote (Diskussion):
Also, mir scheint, daß Mark einigermaßen übertreibt. “Kaum mehr Steuern einnimmt, kaum mehr Preissteigerungen, Ungleichheit dramatisch zunimmt:” das scheint mir ein sehr gefärbtes Bild der Realität zu sein. Er schreibt sogar explizit von “seit Jahren.” Da mag die Anmerkung, daß aktuell Inflationsängste nicht das Hauptproblem sind, schon richtig sein. Wie es um langfristige Ausrichtung der Zentralbank geht, das ist eine andere Diskussion.
Abgesehen davon ist seine Kritik auch verwirrt: warum ist es unlogisch, über zukünftige Inflation zu warnen, wenn in der Vergangenheit wenig aufgetreten ist? Warum ist es unlogisch, Ausgabenkürzungen vorzuschlagen, wenn die Einnahmen wegbrechen? Warum ist es unlogisch, Lohnsenkungen zu fordern, um Preise wettbewerbsfähiger zu machen? Wieso sollten Vermögenssteuern strukturelle Einkommensungleichverteilungen aufhalten, wenn wachsende Ungleichheitsverteilungen ein Problem ist?
Selbst wenn man die ganzen Situationen für problematisch hält, was, wie oben gezeigt, durch die Fakten kaum belegt wird, sind auch die Lösungen zweifelhaft. So sind zB. die Umverteilungseffekte von Steuern viel kleiner, als sich das ZEIT-Blogger so vorstellen.
Mai 22, 2010 at 11:13 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Was wird aus dem Euro?
Marc Beise erläutert auf Video bei der Sueddeutschen, was alles passieren muß, damit die Änderungen, die die EU in den letzten Wochen erfahren hat, langfristig den Wert des Euros nicht komplett untergraben. Beise sagt im wesentlichen:
- Wir brauchen solide Regeln innerhalb der EWG (und der EU) dafür, wann Staaten wie gerettet werden dürfen, was die Bedingungen dafür sind und so weiter.
- Wir müssen aufpassen, daß die EZB weiterhin solide wirtschaftet und die politische Einflußnahme überschaubar bleibt.
- Die europäischen Staaten müssen sparen, also ihre Haushalte und damit auch insbesondere ihre Sozialsysteme auf einen halbwegs nachhaltigen Kurs bringen.
Ich stimme Beise zu. Wenn das so läuft, dann könnte der Euro als stabile Währung weiterleben. Aber ist das auch realistisch?
So gibt es beispielsweise allerhand Kriterien der EU, die besagen, wie Länder zu wirtschaften haben. Ausgeglichene Haushalte sollen der Normalfall sein, in Ausnahmefällen gilt das 3-Prozent-Maastricht-Kriterium. Das war nie der Fall, ausgeglichene Haushalte waren nie die Regel in der EWG. Auch wurde im Vorfeld der EWG viel darüber geredet, daß die Staaten ihre Wirtschaften flexibilisieren müssen, weil Schocks nun nicht mehr durch schwankende Wechselkurse absorbiert werden können. Stattdessen muß die Realwirtschaft flexibel genug sein um ausgleichen zu können. Das ist — wie man beispielsweise in Griechenland, aber auch in vielen anderen Ländern sieht — nie passiert. Die Regeln, die dazu bisher aus Brüssel kamen, waren nicht mehr als Augenwischerei.
Weiterhin scheint es auch nicht besonders schwierig zu sein, diese Regeln zu umschiffen, beisielsweise durch kreative Buchführungen, zB. indem man Staatskonzerne pseudoprivatisiert (wie in den USA passiert mit Fennie Mae usw.) oder durch wirkliche Fälschungen wie im Falle von Griechenland.
Ich kenne wenige Beispiele, in denen Auflagen und Regelsätze großen Einfluß auf politische Entscheidungen gehabt hätten. Wenn die Situation und der politische Wille da ist, dann werden die Regeln über Bord geworfen. Bestenfalls wird dieses Vorgehen irgendwann von den Gerichtshöfen nochmal überprüft.
Ähnlich ist es beim zweiten Punkt. Im Prinzip ist es denkbar, daß die EZB auch weiterhin auf Stabilität achten wird. Insbesondere scheint es auch eher so zu sein, daß Länder mit der “Vorliebe” für stabile Währungen eher bereit sind, ihren Zentralbanken mehr Unabhängigkeit zu geben (und nicht andersherum, daß unabhängige Zentralbanken automatisch zu mehr Stabilität führen). Aber insbesondere wenn Punkt 3 greift, wird der Druck auf die EZB steigen, mehr Geld in die Märkte zu pumpen.
Skepsis kommt auch bei Beises letzten Punkt nicht unerwartet. Ob es überhaupt möglich sein wird, Staaten auf einen nachhaltigen Haushaltskurs zu bringen, ist unklar. In Griechenland sehen wir gerade, wie die Besitzstandswahrer auf allen Ebenen versuchen, Einsparungen bei sich zu vermeiden. In den meisten EU-Staaten dürfte dabei vor allem das Rentensystem ein Problem werden: in einer alternden Gesellschaft wird es politisch zunehmend schwieriger, das Rentensystem umzubauen und zu kürzen. Einsparungen in der Bürokratie dürfte auch die Arbeitslosigkeit kurzfristig anstiegen lassen und es ist eine Frage, ob die (immer noch sehr unflexiblen, überregulierten) Märkte der EU-Länder diese Leute schnell wieder in Lohn und Brot bringen kann.
Das sind die großen, strukturellen Probleme. Seit Jahrzehnten arbeiten die meisten Staaten schon daran, diese Systeme zu reduzieren und ihre Haushälter in Ordnung zu bekommen. Passiert ist wenig. Selbst wenn Rentenreformen verabschiedet werden, werden sie wenige Jahre später schon wieder verwässert (wie in Deutschland). Über große Gesundheits- und Steuerreformen wird auch schon seit langem geredet.
Ob etwas passieren wird, jetzt wo wir “in den Abgrund” gesehen haben? Es fällt mir schwer, das zu glauben. Aber wie auch Herr Beise durfte ich, allerdings unfreiwillig als Steuerzahler eine Wette auf den Euro abschließen. Nämlich darüber, daß er langfristig eine akzeptable Währung bleibt. Keines der Sturkturprobleme wurde bisher gelöst. Aber wir haben jetzt die Einsätze massiv erhöht.
Mai 13, 2010 at 12:17 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar

