Confirmation Bias

Februar 7, 2009 at 4:49 pm Hinterlasse einen Kommentar

Thomas Fricke, der „Chefökonom der FTD“, kritisiert die „herrschende“ „marktfundamentalistische Ökonomie“. Wunderbar. Gut, ich bezweifle, dass sich irgendwo jemand ernsthaft für die Meinungen von Ökonomen interessiert … also deren Meinung „herrscht“ und zweitens ist der aktuelle Mainstream nicht marktfundamentalistisch; eher im Gegenteil. Aber gut, akzeptieren wir das mal.

Seine These: die Ökonomen arbeiten nur mit Hypothesen, die ihnen gefallen und den Rest ignorieren sie (Confirmation Bias). Daraus folgert er, wir sollten mehr historische Ökonomie machen und die großen Ereignisse untersuchen.

Gut, gucken wir uns doch mal die historischen Erkenntnisse an — wenn Herr Fricke recht hat, dann sollten diese Erkenntnisse die „marktfundamentalistische Ökonomie“ zweifelsfrei widerlegen. Insbesondere die Erkenntnisse der 30er Jahre sollten doch interessant sein, schließlich worden dort das Denken großer „Ökonomen wie Kenneth Galbraith oder Paul Samuelson geprägt“ (zwei marktkritische, wenn nicht sogar offen sozialistische Ökonomen).

Wie ist die Great Depression entstanden? Das klassische Werk dazu stammt von Milton Friedman und Anna Schwartz, A Monetary History of the United States, und erklärt ohne zauberhafte Mathematik sehr überzeugend, woran’s gelegen hat, nämlich an Staatsversagen in Form einer ruinösen Geldpolitik. Die Depression, die New Deal-Maßnahmen und die Wirksamkeit kann man die im Artikel erwähnte Christina Romer sehr gut zitieren: What Ended the Great Depression? (Journal of Economic History, 1992) Ergebnis: Geldpolitik funktioniert sehr viel besser als nachfrageseitige Politk (siehe dazu auch Romer&Romer 2007, wo der Keynes’sche Multiplikator von Steuersenkungen auf etwa 3 ermittelt wird, im Gegensatz zu nachfrageseitigen Maßnahmen, die einen Multiplikator von etwa 1,4 haben. Das bedeutet, 1 Euro vom Staat ausgegeben führt zu 1,4 Euro mehr BIP. 1 Euro Steuersenkung führt zu 3 Euro mehr BIP.).

Der Wirtschaftshistoriker Robert Higgs‚ hat auch einige interessante Arbeiten zum Thema Depression und New Deal herausgebracht und auch die Werke über die Auswirkungen von Kriegen auf die Wirtschaft sind lesenswert.

Das deckt sich alles wahnsinnig gut mit der angeblichen Meinung des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams, dass freie Märkte gut funktionieren und Regierungsinterventionen die Sache meistens verschlimmbessern.

Aber wieso erwähnt das Herr Fricke nicht mit einem Wort?

Wieso unterstellt er implizit, historische Ökonomie würde der klassischen (oder neoklassischen) widersprechen, wenn das Gegenteil der Fall ist?

Ach so: Herr Fricke bestätigt auf interessante Weise die These seines Artikels, auch er leidet an dem Confirmation Bias (also der intellektuellen Krankheit, Thesen, die ihn bestätigen, ungefragt zu übernehmen und alles widersprüchliche zu ignorieren). Der Punkt ist gelungen, aber das hätte man auch einfacher haben können.

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Wie bastle ich eine große Krise. Heute: Protektorismus Das Märchen vom gerechten Staat

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