Was Sahra Wagenknecht nicht versteht

März 9, 2009 at 8:12 pm 7 Kommentare

Ich habe zufällig im Internet einen 45-minütigen Vortrag von Sahra Wagenknecht über die Finanzkrise gefunden. Obwohl sie ein paar vernünftige Sachen sagt, sagt sie mehr Quatsch.

Frau Wagenknechts ganze Erklärung geht in etwa so: eine kleine Klasse an Leuten beutet alle aus und investiert das Geld dann haufenweise in Börsenblasen, die irgendwann platzen und die Folgen trägt der kleine Mann. Das ist der Kapitalismus und so ist die Finanzkrise entstanden. Das untermauert sie dann mehr oder weniger ausführlich und faktenreich.

Das erste mal ärgert man sich bei Minute 2 über die wahnsinnig hohen (25%!!) Eigenkapitalrenditen. Das spricht nicht gerade für Informiertheit: Angenommen, ich hab 10€, ein Bekannter leiht mir 100€ für 2% Zinsen, ich lege die 110€ für ein Jahr an, bekomme 7% Zinsen, dann zahle ich meinem Bekannten 102€ zurück und mir selbst bleiben 15,7€. Meine Eigenkapitalrendite: sage und schreibe 57%! Daran ist nichts pervers, das kommt schlicht daher, dass Zinsen auf Eigenkapital und Fremdkapital in der richtigen Welt nicht gleich sind.

Etwa ab Minute 10 beginnt Frau Wagenknecht dann den Ausbeutungs-Teil ihrer Theorie zu erklären und dazu zieht sie die Entwicklung der Reallohnentwicklung in Deutschland und den USA heran — angeblich ist (Minute 14) die Kaufkraft in den USA sogar heute nicht höher als in den 1970ern.

In Deutschland macht Hans-Werner Sinn ein paar ganz gute Punkte. Das Bild demonstriert zB. die Reallohnentwicklung eines Facharbeiters ohne Kind. Wer frisst denn da die ganzen Zuwächse auf?

reallohnDes weiteren enthalten diese Größen keine Informationen über verbesserte zusätzliche Leistungen am Arbeitsplatz oder Einkommen aus anderen Quellen, wie Mieten.

In den USA sieht das ganz ähnlich aus:

1980 musste der Durchschnittsverdiener für ein Ferngespräch elf Minuten arbeiten — Ende der 1990 noch 2. Für 100 Flugmeilen 62 Minuten, statt 87. Rechenleistung von Computern hat sich um 99,8% verbilligt.

Dann geht Frau Wagenknecht auf die Schulden der amerikanischen Haushalte ein: diese Schulden, die trotz der Einkommensschwäche den Konsum aufrecht erhalten hat, sorgte für eine weitere Nachfrage weltweit, von der „deutsche Großunternehmen“ (die bekanntlich die einzigen sind, die irgendwas exportieren!). Aber was ist eigentlich mit den Schulden, wie schlimm sieht’s aus? Es ist richtig, dass der Schuldenstand von 1970 bis zum Jahr 2000 von 60% auf 90% gewachsen sind. Aber: das Vermögen der Amis ist im gleichen Zeitraum stärker gewachsen. Allein in den 90er Jahren ist das Nettovermögen aller Bevölkerungsschichten in den USA um 50% gestiegen. Wenn man sich dagegen statt dem Schuldenstand den Schuldendienst ansieht, dann verbessert sich die Situation noch weiter … Ein interessanter Podcast zum Thema Schulden gibts mit Todd Zywicki auf EconTalk.

Die restlichen Punkte ihrer Argumentation (nämlich, warum die Reichen das Geld in Anlageprodukte von ihnen selbst stecken, die dann platzen), erläutert sie nicht weiter. Stattdessen geht es nun darum, wie man das System wieder hinbekommt. Und da kommen dann so kreative Vorschläge wie mehr Lehrer einstellen, Hartz-4 um 100€ zu erhöhen, mehr Geld in Krankenhäuser stecken. Und per Dreisatz rechnet sie vor, wie durch eine Vermögenssteuer neues Geld eingenommen werden könnte und — wieder Dreisatz — wie die Geringverdiener von einem Mindestlohn profitieren würden. Die Idee dahinter ist offensichtlich: niemand bekommt mit, dass wir die Gesetze geändert haben und alle machen genau das gleiche wie vorher, nur diesmal landet alles Geld bei uns. Anreizwirkungen? Leute ändern ihr Verhalten? Lächerliche Theorie!

Dann kommen noch ein paar logische Querschläger: wenn der Neoliberalismus in Deutschland so erfolgreich war, warum sieht man das nicht an den deutschen Arbeitslosenzahlen? Guess what, Frau Wagenknecht!

Und Wohnraum und Wasser sollten sozialisiert werden, mehr Mitbestimmung in Betrieben und weniger Privatisierung, weil das macht Lohndumping. Ja, ne, ist klar. David Brown hat einen Arbeitsplatz- und Lohneffekt in ehemaligen Ostblockstaaten bei Privatisierungen gesucht — gefunden hat er nichts dergleichen.

Ach so, und wer es noch nicht wusste, den US-Autobauern geht es deshalb so schlecht, weil sie den 90er Jahren dem Shareholder-Prinzip gefolgt sind, nicht etwa, weil sie schon in den 80er Jahren ziemlich falsche Entscheidungen getroffen haben.

Wer immer noch nicht glaubt, das bei der Linken nur faktenresistente Scherzbolde herumhüpfen, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Advertisements

Entry filed under: Politik, Wirtschaft. Tags: , , , , , , .

DER JAHRHUNDERTFEHLER!? Finanztransaktionssteuer

7 Kommentare Add your own

  • 1. genova68  |  März 15, 2009 um 9:24 pm

    Dein Beispiel mit der Eigenkapitalrendite ist Unsinn. Wenn dein Freund für seine 100 Euro bei der Bank sieben Prozent bekommen könnte, warum sollte er es dir für zwei Prozent leihen?

    Antwort
    • 2. Daniel  |  März 16, 2009 um 9:01 am

      Es gibt mehrere Gründe, warum sich in der Praxis Eigenkapital anders verzinst als Fremdkapital. Steuerliche Absetzbarkeit und andere Haftungsvorschriften („Eigenkapital haftet“) beispielsweise.

      Darum sind die Zinssätze verschieden, auch wenn meine Zahlen natürlich trotzdem aus den Fingern gesaugt sind (um genau diesen Punkt zu illustrieren).

      Antwort
  • 3. genova68  |  März 16, 2009 um 12:47 pm

    Daniel, das Beispiel bleibt meiner Meinung nach dennoch Unsinn, denn 25 Prozent sind 25 Prozent. Wenn die Wirtschaft um zwei oder drei Prozent wächst, sind 25 Prozent REALE Rendite (also Geld, das in den Händen halten kann) auf Dauer nicht drin. Das ist ja genau das Problem der Blase: Die 25 Prozent will man erreichen, und zwar mit allerlei Tricks, die man „Finanzprodukte“ nennt. Da sich dieses Geschehen von der Realwirtschaft abkoppelt, kommt es zur Blase, die irgendwann platzt.

    Antwort
  • 4. Daniel  |  März 16, 2009 um 1:16 pm

    Nein, so kannst Du das nicht sagen. Sobald Du einen unterschiedlichen Zinssatz auf Eigen- und Fremdkapital hast, kannst Du durch richtiges Verhältnis der Kapitalmengen jede mögliche Eigenkapitalrendite erwirtschaften, das hat nichts mit „unhaltbar“ zu tun, die Gesamtverzinsung bleibt ja in überschaubarem Rahmen.

    Wenn man den Bogen zur Finanzkrise spannen will, dann sollte man anders argumentieren: Durch solche Leverage-Effekte schafft man sich starke Abhängigkeiten gegenüber den Fremdkapitalgebern, was zum Problem werden kann, wenn einzelne Kapitalgeber ausfallen. Darüber kann man sich Gedanken machen, insbesondere auch, welche Mechanismen („Regulierungen“) greifen müssten, damit das nicht passiert.

    Aber: das hat mit „Abkopplung von der Realwirtschaft“ oder „perversen Renditen“ nicht besonders viel zu tun, das ist ein Scheinargument, das die wahren Ursachen verdeckt. (Absichtich?)

    Antwort
  • 5. genova68  |  März 16, 2009 um 1:27 pm

    Interessant, was du da schreibst. Bis du Wirtschaftswissenschaftler? Wenn ich mir deine Seite so anschaue, bist du ja recht neoliberal ausgerichtet. Naja, ich nicht gerade, aber wenn man sich argumentativ auseinandersetzen kann, warum nicht?

    Ich habe jetzt keine Zeit, werde aber auf deinen Beitrag zurückkommen.

    Schönen Gruß

    Antwort
  • 6. kroraina  |  September 23, 2009 um 8:40 am

    Wagenknecht, Gysi und Lafontaine fehlen die marxistisch-leninistischen Anleitungen aus der Sowjetunion. Da gab es früher ganze Ideologiefabriken, welche die Genossen weltweit mit aktuellen Einschätzungen, Broschüren, Artikeln und Büchern versorgten. Im Gegensatz zu Ungarn, der CSSR und Polen hat die DDR keine Politökonomen mit Rang und Namen produzieren können. Das ist auffällig. Deshalb sind die Genossen jetzt auf sich alleine gestellt bzw. müssen auf die zweifellhaften Arbeiten der Genossen Wagenknecht, Hufschmid und Hickel zurückgreifen.Das ist bedauerlich. Sehr bedauerlich. Vielleicht werden die Ideologiefabriken in Russland mittel- oder langfristig die Produktion wieder aufnehmen. Von daher bitte um Geduld. Die präkere Situation der Genossen sollte nunmehr ja klar geworden sein.

    Antwort
  • 7. Die Empirie in der Orthodoxie … « Nix gibts  |  Mai 22, 2010 um 11:14 am

    […] Arbeitseinkommensquote (Diskussion): […]

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Kalender

März 2009
M D M D F S S
« Feb   Mrz »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  

Most Recent Posts


%d Bloggern gefällt das: