Was Sahra Wagenknecht nicht versteht

Ich habe zufällig im Internet einen 45-minütigen Vortrag von Sahra Wagenknecht über die Finanzkrise gefunden. Obwohl sie ein paar vernünftige Sachen sagt, sagt sie mehr Quatsch.

Frau Wagenknechts ganze Erklärung geht in etwa so: eine kleine Klasse an Leuten beutet alle aus und investiert das Geld dann haufenweise in Börsenblasen, die irgendwann platzen und die Folgen trägt der kleine Mann. Das ist der Kapitalismus und so ist die Finanzkrise entstanden. Das untermauert sie dann mehr oder weniger ausführlich und faktenreich.

Das erste mal ärgert man sich bei Minute 2 über die wahnsinnig hohen (25%!!) Eigenkapitalrenditen. Das spricht nicht gerade für Informiertheit: Angenommen, ich hab 10€, ein Bekannter leiht mir 100€ für 2% Zinsen, ich lege die 110€ für ein Jahr an, bekomme 7% Zinsen, dann zahle ich meinem Bekannten 102€ zurück und mir selbst bleiben 15,7€. Meine Eigenkapitalrendite: sage und schreibe 57%! Daran ist nichts pervers, das kommt schlicht daher, dass Zinsen auf Eigenkapital und Fremdkapital in der richtigen Welt nicht gleich sind.

Etwa ab Minute 10 beginnt Frau Wagenknecht dann den Ausbeutungs-Teil ihrer Theorie zu erklären und dazu zieht sie die Entwicklung der Reallohnentwicklung in Deutschland und den USA heran — angeblich ist (Minute 14) die Kaufkraft in den USA sogar heute nicht höher als in den 1970ern.

In Deutschland macht Hans-Werner Sinn ein paar ganz gute Punkte. Das Bild demonstriert zB. die Reallohnentwicklung eines Facharbeiters ohne Kind. Wer frisst denn da die ganzen Zuwächse auf?

reallohnDes weiteren enthalten diese Größen keine Informationen über verbesserte zusätzliche Leistungen am Arbeitsplatz oder Einkommen aus anderen Quellen, wie Mieten.

In den USA sieht das ganz ähnlich aus:

1980 musste der Durchschnittsverdiener für ein Ferngespräch elf Minuten arbeiten — Ende der 1990 noch 2. Für 100 Flugmeilen 62 Minuten, statt 87. Rechenleistung von Computern hat sich um 99,8% verbilligt.

Dann geht Frau Wagenknecht auf die Schulden der amerikanischen Haushalte ein: diese Schulden, die trotz der Einkommensschwäche den Konsum aufrecht erhalten hat, sorgte für eine weitere Nachfrage weltweit, von der „deutsche Großunternehmen“ (die bekanntlich die einzigen sind, die irgendwas exportieren!). Aber was ist eigentlich mit den Schulden, wie schlimm sieht’s aus? Es ist richtig, dass der Schuldenstand von 1970 bis zum Jahr 2000 von 60% auf 90% gewachsen sind. Aber: das Vermögen der Amis ist im gleichen Zeitraum stärker gewachsen. Allein in den 90er Jahren ist das Nettovermögen aller Bevölkerungsschichten in den USA um 50% gestiegen. Wenn man sich dagegen statt dem Schuldenstand den Schuldendienst ansieht, dann verbessert sich die Situation noch weiter … Ein interessanter Podcast zum Thema Schulden gibts mit Todd Zywicki auf EconTalk.

Die restlichen Punkte ihrer Argumentation (nämlich, warum die Reichen das Geld in Anlageprodukte von ihnen selbst stecken, die dann platzen), erläutert sie nicht weiter. Stattdessen geht es nun darum, wie man das System wieder hinbekommt. Und da kommen dann so kreative Vorschläge wie mehr Lehrer einstellen, Hartz-4 um 100€ zu erhöhen, mehr Geld in Krankenhäuser stecken. Und per Dreisatz rechnet sie vor, wie durch eine Vermögenssteuer neues Geld eingenommen werden könnte und — wieder Dreisatz — wie die Geringverdiener von einem Mindestlohn profitieren würden. Die Idee dahinter ist offensichtlich: niemand bekommt mit, dass wir die Gesetze geändert haben und alle machen genau das gleiche wie vorher, nur diesmal landet alles Geld bei uns. Anreizwirkungen? Leute ändern ihr Verhalten? Lächerliche Theorie!

Dann kommen noch ein paar logische Querschläger: wenn der Neoliberalismus in Deutschland so erfolgreich war, warum sieht man das nicht an den deutschen Arbeitslosenzahlen? Guess what, Frau Wagenknecht!

Und Wohnraum und Wasser sollten sozialisiert werden, mehr Mitbestimmung in Betrieben und weniger Privatisierung, weil das macht Lohndumping. Ja, ne, ist klar. David Brown hat einen Arbeitsplatz- und Lohneffekt in ehemaligen Ostblockstaaten bei Privatisierungen gesucht — gefunden hat er nichts dergleichen.

Ach so, und wer es noch nicht wusste, den US-Autobauern geht es deshalb so schlecht, weil sie den 90er Jahren dem Shareholder-Prinzip gefolgt sind, nicht etwa, weil sie schon in den 80er Jahren ziemlich falsche Entscheidungen getroffen haben.

Wer immer noch nicht glaubt, das bei der Linken nur faktenresistente Scherzbolde herumhüpfen, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

März 9, 2009 at 8:12 pm 7 Kommentare

DER JAHRHUNDERTFEHLER!?

Der Spiegel hat es durchschaut: ohne die Pleite der Lehman-Brothers gäbe es keine Wirtschaftskrise.

Diese Ansicht darf bezweifelt werden, hier von Stanford-Professor John Taylor im Wall Street Journal. Die Daten zeigen, dass die Lehman-Pleite wesentlich weniger ausgewirkt hat, als beispielsweise das Rettungspaket TARP:

Many have argued that the reason for this bad turn was the government’s decision not to prevent the bankruptcy of Lehman Brothers over the weekend of Sept. 13 and 14. A study of this event suggests that the answer is more complicated and lay elsewhere.

While interest rate spreads increased slightly on Monday, Sept. 15, they stayed in the range observed during the previous year, and remained in that range through the rest of the week. On Friday, Sept. 19, the Treasury announced a rescue package, though not its size or the details. Over the weekend the package was put together, and on Tuesday, Sept. 23, Fed Chairman Ben Bernanke and Treasury Secretary Henry Paulson testified before the Senate Banking Committee. They introduced the Troubled Asset Relief Program (TARP), saying that it would be $700 billion in size. A short draft of legislation was provided, with no mention of oversight and few restrictions on the use of the funds.

The two men were questioned intensely and the reaction was quite negative, judging by the large volume of critical mail received by many members of Congress. It was following this testimony that one really begins to see the crisis deepening and interest rate spreads widening.

Abgesehen davon, was ist nach der Lehman-Insolvenz eigentlich genau passiert? Dieses Wissen findet sich sogar mittlerweile in der Wikipedia:

Am 17. September 2008 gab die britische Universalbank Barclays bekannt, dass sie große Teile des US-Geschäfts von Lehman Brothers, einschließlich der gesamten Infrastruktur mit 9000 Mitarbeitern und den Hauptsitz in New York, aus der Insolvenzmasse heraus übernehmen werde. Japans größtes Brokerhaus, Nomura Holdings, kaufte am 22. September das Asiengeschäft sowie die Investmentbanksparte von Lehman Brothers in Europa und im Nahen Osten.

März 9, 2009 at 2:39 pm 1 Kommentar

Was ist das?

Was ist das wohl?einkommen1Das ist natürlich der Anteil am gesamten Einkommenssteueraufkommen (Quelle) aufgetragen über den Einkommensdezilen. 10% der Bevölkerung bezahlen über 50% der Einkommenssteuer.

Und was ist das?

sozialleistungenDas zeigt den Anteil an den ausgeschütteten Sozialabgaben über den Einkommensgruppen: links die 30% einkommensschwächsten, in der Mitte die 40 mittleren Prozent und rechts die reichsten 30%. Die nehmen über 30% aus dem Topf der Sozialabgaben. (Quelle: leider schon älter. Wer weiß, wie sich das verändert hat?).

Das scheint mir im Zuge der Diskussion Reiche stärker zur Kasse zu bitten um den Armen zu helfen durchaus relevant.

Februar 28, 2009 at 1:47 pm Hinterlasse einen Kommentar

Regulierung, Kontrolle, Aufsicht!

Die EU möchte bei den G20 schärfere Finanzkontrollen durchsetzen (hier und hier zum Beispiel; eine Liste der Vorschläge findet sich hier). Statt die wahren Ursache der Krise zu beheben (also zB. eine vernünftige Geldpolitik zu betreiben), sollen nun „mehr Regulierungen“ und eine „bessere Aufsicht“ helfen (und Vorschriften für Managergehälter, Vorschriften für Bankrücklagen usw.). Das sollen natürlich die gleichen internationalen Institutionen (IWF und FSF) umsetzen, die die Entstehung der Krise nicht erkannt haben. Damit sie das in Zukunft besser hinbekommen, brauchen die natürlich mehr Geld.

Wer könnte denn etwas gegen diese wohlmeinenden Regulierungen haben?

Die Finanzingenieure möchten von oben herab ein Finanzsystem planen und dieses System (das sicherlich problemlos von der Qualität an staatlich geplante Autos wie den Trabi heranreicht) soll dann für alle Zeiten rechtlich festgeschrieben werden. Wer andere Finanzprodukte anbieten will, der soll bestraft werden („A list of uncooperative jurisdictions and a toolbox of sanctions must be devised as soon as possible.“).

Dazu greift es überhaupt nicht die Ursachen der Krise auf, sondern schlägt das vor, was sich Politiker sowieso immer wünschen: mehr Kontrolle.

Es ist prinzipiell nichts gegen Regulierungen einzuwenden, aber ein derartiges Eingreifen in das Finanzsystem hat riesige Opportunitätskosten: es wird schwieriger werden, sich schnell Geld zu leihen und damit neue Ideen auszuprobieren. Das wird uns alle in der Zukunft sehr viel ärmer machen.

Wird Obama diesen Wahnsinn verhindern können? HOPE!

Februar 22, 2009 at 11:23 pm Hinterlasse einen Kommentar

Die Petition der Kerzenmacher

Vielen von Ihnen ist der französische Volkswirt Frédéric Bastiat und dessen berühmte Petition der Kerzenmacher bekannt. Sie gehört heute zu den kanonischen Lehrbuchtexten, die die Absurdität der politischen Einmischung in die Wirtschaft zeigen. Am 14. November 2008 erhörte die EU-Kommission nicht Bastiats fiktive, sondern eine wirkliche Petition der Kerzenmacher und erhob auf die aus China importierten Kerzen einen Zoll von 66 Prozent. Ich würde nicht glauben, dass ein 160 Jahre alter literarischer Essay Wirklichkeit werden konnte, aber es ist so. Wirtschaftliche Rückständigkeit und Verlangsamung, wenn nicht sogar Stillstand des Wirtschaftswachstums Europas sind die notwendigen Folgen der umfangreichen Einführung solcher Maßnahmen. Die Lösung besteht einzig und allein in Liberalisierung und Deregulation der europäischen Wirtschaft.

aus der Rede von Herrn Klaus vor dem Europaparlament. Sehr hübsch.

Februar 20, 2009 at 2:58 pm Hinterlasse einen Kommentar

Das Märchen vom gerechten Staat

Februar 11, 2009 at 2:33 pm Hinterlasse einen Kommentar

Confirmation Bias

Thomas Fricke, der „Chefökonom der FTD“, kritisiert die „herrschende“ „marktfundamentalistische Ökonomie“. Wunderbar. Gut, ich bezweifle, dass sich irgendwo jemand ernsthaft für die Meinungen von Ökonomen interessiert … also deren Meinung „herrscht“ und zweitens ist der aktuelle Mainstream nicht marktfundamentalistisch; eher im Gegenteil. Aber gut, akzeptieren wir das mal.

Seine These: die Ökonomen arbeiten nur mit Hypothesen, die ihnen gefallen und den Rest ignorieren sie (Confirmation Bias). Daraus folgert er, wir sollten mehr historische Ökonomie machen und die großen Ereignisse untersuchen.

Gut, gucken wir uns doch mal die historischen Erkenntnisse an — wenn Herr Fricke recht hat, dann sollten diese Erkenntnisse die „marktfundamentalistische Ökonomie“ zweifelsfrei widerlegen. Insbesondere die Erkenntnisse der 30er Jahre sollten doch interessant sein, schließlich worden dort das Denken großer „Ökonomen wie Kenneth Galbraith oder Paul Samuelson geprägt“ (zwei marktkritische, wenn nicht sogar offen sozialistische Ökonomen).

Wie ist die Great Depression entstanden? Das klassische Werk dazu stammt von Milton Friedman und Anna Schwartz, A Monetary History of the United States, und erklärt ohne zauberhafte Mathematik sehr überzeugend, woran’s gelegen hat, nämlich an Staatsversagen in Form einer ruinösen Geldpolitik. Die Depression, die New Deal-Maßnahmen und die Wirksamkeit kann man die im Artikel erwähnte Christina Romer sehr gut zitieren: What Ended the Great Depression? (Journal of Economic History, 1992) Ergebnis: Geldpolitik funktioniert sehr viel besser als nachfrageseitige Politk (siehe dazu auch Romer&Romer 2007, wo der Keynes’sche Multiplikator von Steuersenkungen auf etwa 3 ermittelt wird, im Gegensatz zu nachfrageseitigen Maßnahmen, die einen Multiplikator von etwa 1,4 haben. Das bedeutet, 1 Euro vom Staat ausgegeben führt zu 1,4 Euro mehr BIP. 1 Euro Steuersenkung führt zu 3 Euro mehr BIP.).

Der Wirtschaftshistoriker Robert Higgs‚ hat auch einige interessante Arbeiten zum Thema Depression und New Deal herausgebracht und auch die Werke über die Auswirkungen von Kriegen auf die Wirtschaft sind lesenswert.

Das deckt sich alles wahnsinnig gut mit der angeblichen Meinung des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams, dass freie Märkte gut funktionieren und Regierungsinterventionen die Sache meistens verschlimmbessern.

Aber wieso erwähnt das Herr Fricke nicht mit einem Wort?

Wieso unterstellt er implizit, historische Ökonomie würde der klassischen (oder neoklassischen) widersprechen, wenn das Gegenteil der Fall ist?

Ach so: Herr Fricke bestätigt auf interessante Weise die These seines Artikels, auch er leidet an dem Confirmation Bias (also der intellektuellen Krankheit, Thesen, die ihn bestätigen, ungefragt zu übernehmen und alles widersprüchliche zu ignorieren). Der Punkt ist gelungen, aber das hätte man auch einfacher haben können.

Februar 7, 2009 at 4:49 pm Hinterlasse einen Kommentar

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